Was aber ist das überhaupt: Geld?

Christoph Türcke, studierter Theologe und emeritierter Philosophie-Professor, geht dieser Frage in seinem Buch „Mehr!“ auf den Grund. Und kommt dabei zu ebenso erhellenden wie überraschenden Einsichten.

In den Nachrichten heißt es: „Die EZB wird in den nächsten Jahren Staatsanleihen in Höhe von etwa einer Billion Euro kaufen.“ Das klingt, als öffnete sie ein dickes Portemonnaie, aus dem sie nach und nach bei nationalen Finanzministerien für diese schwindelerregende Summe Wertpapiere ersteht. Doch die Milliardenbeträge, die da fließen, quellen keineswegs aus einem Portfolio; sie treten in dem Moment, in dem sie quellen, überhaupt erst ins Dasein. Zentralbanken zaubern Papierscheinen oder Pixeln Kaufkraft an. Ob sie das selbst tun oder durch Geschäftsbanken innerhalb eines von ihnen vorgegebenen Kreditrahmens tun lassen, ist eine scholastische Frage. Fest steht, dass Kaufkraft, die vorher nirgends war, durch ihren Beschluss in die Welt tritt. Und Kaufkraft schaffen ist älteste Priestertätigkeit.

Das Wort Geld kommt nicht, wie viele meinen, von Gold, sondern vom angelsächsischen „gilt“: Schuld, Geschuldetes. Damit waren zunächst keine privaten Schulden gemeint, sondern etwas, was archaische Kollektive höheren Mächten zu schulden glaubten: Opfer. Gilde heißt ursprünglich Opfergemeinde, nicht Handwerkszunft. Und geopfert wurden nicht Gold- oder Silberstücke, sondern lebendige Wesen, und zwar gerade die unentbehrlichsten: eigene Stammesgenossen und gezähmte Großtiere. Warum tat man sich das an? Warum versuchte man die schrecklichen Naturgewalten zu besänftigen, sich ihr Wohlwollen zu erkaufen, indem man selbst Schreckliches beging?

Das ist anfangs, in der Altsteinzeit, kaum mehr als ein Notwehrreflex gewesen. Man suchte den traumatischen Schrecken zu bewältigen, indem man das Schreckliche auf eigene Faust wieder und wieder tat und so das Unerträgliche allmählich erträglich machte. Diese Wiederholung fiel umso leichter, je mehr sie ritualisiert wurde: als etwas, was man der Naturgewalt schuldet. Dadurch bekam sie einen Adressaten, einen Sinn. Sie wurde als Begleichung von Schuld gefühlt: als Zahlung. Schlachtopfer sind schreckliche Zahlungen gewesen. Daher waren sie stets vom Wunsch nach weniger schrecklichen begleitet. Die Geschichte der Zahlungsmittel wird nur als Substitutionsgeschichte verständlich. Kann man ein Menschenopfer nicht durch eine Anzahl von Rindern ersetzen? Rinder durch Kleinvieh? Lebendige Wesen durch Metallgebilde? Gold und Silber waren immerhin der irdische Widerschein zweier göttlicher Gestirne: Sonne und Mond. Konnte da ein goldenes Kalb nicht lebendige Rinder vertreten? Metallopfer überdauerten zudem ihre Darbringung. So wurden sie zum Kern des Tempelschatzes, der ersten Kapitalakkumulation.

Münzen sind nicht etwa die Urform des Geldes, sondern eine Spätform: ein profaner Abkömmling sakraler Metallgaben. Davon zeugt die Münzprägung. Sie war zwar ein Staatsakt, aber sie blieb eine Tempelmethode. Sie versiegelte Metall. Siegel sind Heiligungszeichen. Wer sie versehrt, tastet geheiligte Autorität an.

Kein Mensch, kein Tier, kein Edelmetall ist von Natur aus Geld. Sie mussten stets durch einen Ritus zu Geld gemacht werden. Durch Loswerfen wurden Stammesgenossen zu Opfern erkoren. Tiere wurden durch Schnitt- und Schmuckzeichen als Opfertiere markiert, Edelmetall wurde geprägt. Erst ein Ritus zaubert Naturdingen Kaufkraft an, und die dafür Zuständigen sind Priester. Das ist im Zeitalter des Papiergelds nicht anders geworden. Solange Papier bloß Geldrepräsentant war, also durch Edelmetallmünzen gedeckt sein musste, waren auch die Zentralbanken, die Wächter über die kursierende Geldmenge, vergleichsweise subalterne Instanzen. Seit 1971 die USA die Bindung des Dollars ans Gold aufgaben, keine Währung mehr durch Edelmetall gedeckt ist, Währungen sich in Papier oder Pixeln darstellen und Münzen nur noch Kleingeld sind, sind die Zentralbanken kometenhaft aufgestiegen. Allein ihr ökonomisches Ermessen entscheidet seither darüber, wie viel Geld sie in Umlauf bringen. Ist das Gelderzeugen damit rational geworden? Im Gegenteil; es ist mysteriöser denn je. In Papier und Pixeln hat die Kaufkraft nur noch einen flüchtigen Erdenrest. Ihre Erschaffung nähert sich dem biblischen Modell der Weltschöpfung an. Die Zentralbank spricht: Es werde Geld! Und es wird Geld. Gut 90 Prozent davon rasen nur noch elektronisch um den Globus und werden erst gar nicht mehr zu Papier. Aber gerade auf dem Gipfel seiner hochtechnologischen Verflüchtigung öffnet das Geld einen schwindelerregenden Blick in seine archaischen Abgründe. Kein Geld ohne Geldpriester. Die Altsteinzeit ist noch längst nicht überwunden.

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Quelle: „Gemeinsam – Mehr als nur Zahlen aus 50 Jahren DATEV eG“