Der verkannte Erfolgsfaktor

Welche Faktoren sind für den Erfolg eines Unternehmens entscheidend? Diese Frage beschäftigt Unternehmensführungen wie betriebswirtschaftliche Forschung gleichermaßen.

Sowohl in der unternehmerischen Praxis als auch in der wissenschaftlichen Betrachtung der Erfolgsfaktoren stehen sogenannte „weiche Faktoren“ maßgeblich für den Unternehmenserfolg. Unter solchen „weichen Faktoren“ versteht man unter anderem Kundennähe, strategische Planung oder die Qualität der Unternehmensführung. Eine Sichtweise, die auch Unternehmenslenker regelmäßig in Umfragen bestätigen: Hier werden kaufmännische Daten eher als notwendiges Übel betrachtet. Dass diese Sichtweise zumindest ergänzt werden sollte, zeigt das Vorgehen beispielsweise von Banken bei der Beurteilung eines Unternehmens. Sie schauen in erster Linie auf „harte Faktoren“ wie kaufmännische Daten und die Bonität eines Unternehmens. Auch die Insolvenzforschung stellt fest, dass in fast allen Unternehmenspleiten gravierende Fehler in der Buchhaltung eine wesentliche Rolle für den unternehmerischen Misserfolg spielen.

Dieses Spannungsfeld bei der Beurteilung der Rolle kaufmännischer Daten war Ausgangspunkt einer Studie, die im Auftrag der DATEV an meinem Lehrstuhl entstanden ist. Wir wollten sehen, ob das Spannungsfeld aufgelöst werden kann, wenn wir einerseits allgemein nach Erfolgsfaktoren fragen und die Ergebnisse dann mit der funktionalen Rolle kaufmännischer Daten in wichtigen betrieblichen Prozessen vergleichen.

Auf die offene Frage, welche Faktoren den Unternehmenserfolg ausmachen, zeigte sich das aus der Erfolgsfaktorenforschung bekannte Bild: Es dominieren betriebsorganisatorische Faktoren und Kundenbeziehungen, erst weit abgeschlagen mit 17 Prozent wurden finanzwirtschaftliche Themen wie Umsatz, Kapital, Gewinn, Marge etc. genannt.

Das Bild sieht ganz anders aus, wenn man nach der Rolle der Daten in konkreten Prozessen fragt. Dann geben 95 Prozent der befragten kleinen und mittelständischen Unternehmen an, dass die kaufmännischen Daten eine hohe oder sehr hohe Bedeutung für den Unternehmenserfolg haben. Dabei sind standardisierte Auswertungen und Kennzahlen betriebswirtschaftlicher Daten als Grundlage für unternehmerische Entscheidungen üblich. 86 Prozent der Unternehmen nutzen hierbei die BWA als zentrales Instrument zur Aufbereitung betriebswirtschaftlicher Kennzahlen.

Ein zusätzlicher Impuls entsteht durch die Digitalisierung der kaufmännischen Abläufe: In über 90 % der Unternehmen erfolgt die Aufbereitung der kaufmännischen Daten bereits teilweise oder vollständig digitalisiert. Die Unternehmen erhoffen sich dadurch aktuellere Daten, zusätzliche Möglichkeiten der Auswertung und vor allem einen einfacheren Datenzugriff. Damit steht die Digitalisierung in einem ganz wesentlichen Kontext zur Gesamtbedeutung kaufmännischer Daten, da erst der schnelle, digitale Zugriff eine intensivere Nutzung kaufmännischer Daten erlaubt. Planung, Kontrolle und Steuerung, aber auch Information und Dokumentation lassen sich damit viel leichter umsetzen.

Für die Steuerberater eröffnet sich hier ein großes Betätigungsfeld für Beratungsleistungen: Bereits heute unterstützen die Steuerberater als institutionalisierte Mittler zwischen Unternehmen und Finanzverwaltung ihre Mandanten dabei, kaufmännische Daten adressatengerecht elektronisch aufzuarbeiten und spezifische Digitalisierungsanforderungen beispielsweise von E-Government-Initiativen, der Steuerdeklaration oder der Sozialversicherungsträger zu erfüllen. Dies bringen die Unternehmen im Rahmen der Befragung auch zum Ausdruck, wenn sie in ihren steuerlichen Beratern die wichtigsten externen Impulsgeber sowohl für die Auswertung kaufmännischer Daten wie auch für die Digitalisierung der dazugehörigen Prozesse sehen, fast gleichauf mit unternehmensinternen Abteilungen.

Dieser zunächst erfreuliche Befund für die Steuerberater ist aber kein Freifahrtschein für die Zukunft. Bereits das Ergebnis selbst zeigt, dass trotz guter Ausgangsposition noch viel Entwicklungspotenzial gegeben ist: Während sich die Geschäftsleitung als entscheidende Instanz in Digitalisierungsfragen praktisch immer herausstellt, kommen die beiden nächsthäufig genannten Stellen, die für die fachliche Vorbereitung stehen, nur noch auf 19 % (interne Fachabteilung) und 16 % (Steuerberater). Dieser niedrige Wert zeugt von einem Problem, das viel weiter reicht als nur die Frage, wer am Prozess der Digitalisierung kaufmännischer Abläufe beteiligt ist. Es spiegelt letztlich auch das Wahrnehmungsdefizit wieder, das bereits in der Diskrepanz zwischen der allgemein geringen Wertschätzung der Daten einerseits und ihrer hohen praktischen Bedeutung für den Unternehmenserfolg andererseits zum Ausdruck kommt.

Ein Defizit, das sich auch auf die Arbeit der Steuerberater auswirkt! Denn während sie gerade in den kleinen und mittelständischen Betrieben maßgeblich die Verantwortung für eine korrekte Buchführung tragen und damit die Grundlage für viele betriebliche Prozesse und Entscheidungen liefern, werden sie gemeinhin vor allem auf ihre deklaratorische Pflichtübung reduziert. Im besten Fall gibt es noch eine Anerkennung als Sicherheitsfaktor gegenüber den Finanzbehörden.

Diese verzerrte Wahrnehmung sowohl der kaufmännischen Daten als auch der Leistungen der Steuerberater ist ein Risiko. Denn sie kollidiert mit einer Entwicklung, die praktisch alle Bereiche und Abläufe in den Unternehmen von Grund auf verändert: Im Rahmen der digitalen Transformation werden künftig ganze Wertschöpfungsketten durchgängig in die digitale Welt überführt, die Automatisierung führt zu radikalen Veränderungen der Abläufe in den Unternehmen und darüber hinaus. Auch die kaufmännischen Prozesse vor und nach der Buchung werden dadurch viel stärker als heute verknüpft. Diese Verknüpfung wird dabei nicht nur technische Auswirkungen haben, sondern zwangsläufig auch neue Strukturen, Strategien und Prozesse in den Unternehmen ausbilden.

Entscheidend für die Steuerberater ist nun die Frage, wie sehr sie in diesem Transformationsprozess involviert sind. An diesem Punkt können und müssen sich die Steuerberater engagieren, um auch in Zukunft ihr Fachwissen und das grundsätzlich sehr hohe Vertrauen, das sie genießen, bestmöglich einzusetzen. Der Steuerberater der Zukunft muss mehr denn je auch als Berater und Impulsgeber im Rahmen der digitalen Transformation agieren.

Prognosen, die den Steuerberatern eine düstere Zukunft bescheinigen, kann ich auf Basis der aktuellen Studie nicht bestätigen: Grundlage ihrer starken Position ist die traditionelle Verantwortung für die Buchführung. Damit halten sie den Schlüssel zu wesentlichen Unternehmenskennzahlen in den Händen, die in vielen betrieblichen Prozessen eine maßgebliche Rolle spielen. Solange es die Steuerberater verstehen, auf dieser Grundlage die digitale Transformation der kaufmännischen Abläufe mit zu gestalten, werden ihm die Aufgaben sicher nicht ausgehen.

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Prof. Dr. Thomas Egner, Lehrstuhl für Betriebswirtschaftslehre,
insbesondere Betriebliche Steuerlehre der Otto-Friedrich-Universität Bamberg